Regimewechsel – der Wandel von innen

Wir leben in interessanten Zeiten. Und das nicht nur in Hochgeschwindigkeit, sondern mit ungewissem Ausgang. Früher verliefen die Ereignisse noch im Rhythmus Anfang, Mitte und Ende. Wir hatten im besten Fall Zeit, die Geschehnisse zu verarbeiten und uns eine abschließende Meinung zu bilden. Heute wird jeden Tag etwas Neues aufgemacht. Neue Enthüllungen, neue Ereignisse mit offener Langzeitwirkung, jetzt auch noch ein Krieg, der außer Kontrolle zu geraten scheint. 

Die Tagesgeschehnisse sind so verrückt, dass viele anfangen, den medial Begabten oder jenen, die sich dafür halten, auf den sozialen Medien zu folgen und über Kartenlegungen oder das Lesen des Kaffeesatzes herauszufinden, wann der gegenwärtige Albtraum zu Ende ist. Der Albtraum, in dem Normalsterbliche, also wir, vollkommen egal sind. Oder, lass es mich gleich zu Beginn in den Raum stellen – in dem wir die Orientierung verloren haben und uns egal zu sein scheinen.

Besteht die größte Krise unserer Zeit gar nicht darin, dass Autoritäten versagen, sondern dass wir uns selbst nie wirklich gewählt haben?

Den Moment erlebe ich wie wahrscheinlich viele als eine Ansammlung der Extreme, in der die Mitte nicht mehr möglich scheint, ohne sofort von links oder rechts attackiert zu werden. Staatliche Institutionen oder deren Vertreter werden entweder verlacht oder verachtet, oder angebetet bis zur Selbstaufgabe. Oder beides. Wenn es im eigenen Land nicht mehr vorwärts oder rückwärts geht, schielt man gern in die Ferne und projiziert dort den Erlöser, der das Chaos zwar perfekt macht, aber besser, alles zu zerlegen, als das, was man jetzt hat und womit man nicht mehr leben will. 

Auch die Religion scheint mit der Erlösung kein Glück mehr zu haben, fallen doch täglich immer mehr Menschen zumindest äußerlich vom Glauben ab. Die Vertreter des Glaubens und die entsprechenden Institutionen, entweder müde belächelt oder militant verteidigt, wir wir es gerade erleben. Wenn Menschen auf „normalen“ Wegen von keinem Krieg überzeigt werden können, holt man die sogenannten heiligen Schriften heraus und bemüht den heiligen Krieg. Und das scheint tatsächlich noch zu funktionieren.

Für die Protagonisten dieser Zeit, für die es gerade ziemlich unrund läuft, hat die deutsche Sprache wirklich bemerkenswerte Namen gefunden. Vater Staat und Mutter Kirche. Zwei Institutionen, die über Jahrhunderte die Rolle von Eltern übernommen haben – mit Regeln, moralischen Vorgaben und dem Versprechen von Schutz. Doch nun ist dieser Elternersatz in Auflösung begriffen und will es nicht wahrhaben. Kontrolle statt Beziehung. Wir Kinder müssen erwachsen werden und wollen es auch nicht wahrhaben. Rebellion oder Illusion statt Mitgestaltung.

Dabei fing alles schon viel früher an. Nehmen wir die Zeit um 1534. Es war die Zeit, in der Luther die Bibel vollständig auf Deutsch übersetzt herausbrachte. Fast zeitgleich entstanden auch vollständige Bibelübersetzungen in anderen europäischen Sprachen, etwa auf Englisch und Französisch. Die Möglichkeit, religiöse Texte in der eigenen Sprache zu lesen, wurde zu einem gesamteuropäischen Phänomen.

Der viele Jahre vorher von Gutenberg erfundene Buchdruck sorgte dafür, dass diese und weitere Schriften verbreitet werden konnten und sich dadurch im Laufe der Jahre Wissen verbreitete, wenn auch langsam, denn dazu gehörte die Fähigkeit, lesen zu können. 

Dennoch war es der Beginn einer Informationsrevolution, einer Dezentralisierung des Wissens und der Macht, und zusätzlich der Beginn der Reformation. Frühere Reformatoren hatten die Autorität der Kirche bereits infrage gestellt. Doch mit dem Buchdruck verbreitete sich Luthers Aufbruch über ganz Europa.

Die Menschen bekamen selbst Zugang zu den heiligen Texten, wodurch nicht nur die Autorität und Deutungshoheit der Kirche und ihrer Vertreter relativiert wurde, es brachte auch das Entstehen eines eigenen Gewissens und eine neue Deutungsvielfalt mit sich. Widersprüche wurden sichtbar, und nicht jeder war bereit, diese Ambivalenz auszuhalten. Die religiöse Erneuerung mündete auch in Spaltungen und Glaubenskriegen.

Drehen wir die Uhr weiter, 1776, als mit der Unterzeichnung der Unabhängigkeitserklärung die USA gegründet wurden, 13 britische Kolonien der englischen Krone den Rücken kehrten und ihre politische Selbstbestimmung einläuteten. 

Die Französische Revolution erschütterte kurze Zeit später die politische Ordnung Europas. Die sakrale Autorität von Königen wurde infrage gestellt, Bürgerrechte entstanden, Macht wurde neu verteilt und vor allem – dezentralisiert. Auch hier zeigte sich das gleiche Muster. Ein großer Schritt in Richtung Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit und zugleich eine Phase von Radikalisierung und Gewalt, als die neue Ordnung noch nicht stabil war.

Beide Ereignisse trugen Licht und Schatten in sich. Sie erweiterten die Möglichkeiten des Menschen und stellten ihn gleichzeitig vor neue Reifeprüfungen. Heute erleben wir erneut eine Zeit, in der Autorität und Wissen sich verschieben. Information ist global zugänglich. Jeder kann lesen, recherchieren, publizieren. Doch Zugang allein schafft noch keine Reife, sondern erzeugt Polarisierung, Fanatismus und Echokammern.

Viele Revolutionen wollten die äußere Ordnung verändern. Doch die inneren Muster blieben oft bestehen. Die amerikanische Revolution löste sich von der Krone, doch soziale Hierarchien blieben bestehen und sahen nur anders aus. Die Französische Revolution stürzte die Monarchie und brachte kurz darauf eine neue Phase von Machtkonzentration und Terror hervor. Die Systeme änderten sich. Die psychologischen Strukturen dahinter jedoch oft weniger.

Was ich zeitlich gerade selektiv und sehr gerafft beschrieben habe, ist der Zyklus von Pluto in Wassermann, denn da sind wir auch jetzt gerade wieder. Pluto braucht etwa 248 Jahre um die Sonne und steht für eine Energie, die ordentlich was an die Oberfläche bringt. Die Schattenthemen, mit denen sich die Menschen weniger gern befassen, obwohl sie sich wirklich überall zeigen.

Solange Autorität nur im Außen gesucht oder bekämpft wird, bleibt das Grundmuster bestehen. Die Figuren wechseln, die Dynamik bleibt: Jemand sagt uns, was wir denken sollen, glauben sollen, was richtig und falsch ist, was wir tun sollen. Jemand, der angeblich die Verantwortung trägt, die wir allzugern abgeben, jemand, der einen Plan hat, der größer ist als wir, der uns sagt wer leben darf und wer nicht, wie wir leben dürfen und wie nicht.  

Es ist bemerkenswert, wie gerade in den letzten Jahren innerhalb religiöser Institutionen sowie im Umfeld politischer und gesellschaftlicher Eliten massive Fälle von Kindesmissbrauch ans Licht gekommen sind. Systematischer Missbrauch über viele Jahre, Missbrauch des Lebens, das angeblich geschützt werden soll. Missbrauch, der nicht strafrechtlich verfolgt wurde, sondern durch interne Versetzung an neue Orte des Wirkens geregelt wurde, oder, wie im jüngsten Fall, vertuscht. Und wieder wird davon gesprochen, nach vorn zu blicken und einfach weiter zu machen. Die Frage ist weniger, was diese Mächte tun, sondern eher: Was sagt das über uns aus, die das hinnehmen? Was sagt es über uns aus, dass wir diese Institutionen gewähren lassen? 

Der eigentliche Wandel beginnt möglicherweise erst dort, wo wir diese Muster in uns selbst erkennen, mit dem Regime Change als Inside Job. Mit der Abnabelung von Vater Staat und Mutter Kirche, der Rücknahme unserer Projektionen. Vielleicht erleben wir weniger eine politische Krise als eine Reifungskrise. Geht es in unserer Zeit nur darum, welche Systeme bestehen oder fallen, oder darum, welche Art von Autorität wir künftig anerkennen?

Eine weitere Herausforderung besteht darin, mit unserer Freiheit umgehen zu lernen. Nicht jede Information übernehmen. Nicht jede Empörung verstärken. Nicht jede Spannung sofort in Feindbilder übersetzen. Reife beginnt dort, wo wir lernen zu prüfen, zu reflektieren und zu differenzieren. Religiös, politisch und auch spirituell.

Innere Autorität bedeutet nicht, immer recht zu haben. Sie bedeutet, Verantwortung für das eigene Urteil und die daraus entstehenden Konsequenzen zu übernehmen. Vielleicht ist das der nächste Schritt einer Entwicklung, die vor Jahrhunderten begann – als Menschen begannen, selbst zu lesen, selbst zu denken und selbst zu entscheiden und das Geschenk der sich daraus ergebenden Möglichkeiten weiter abzugeben. 

Die Krise der Institutionen ist eine Spiegelung der Krise unserer menschlichen Reife. Es ist ein innerer Wandel, der nicht mit Gewalt erzwungen werden kann, der u.a. drei Dinge erfordert: Bewusstsein, Liebe und Eigenverantwortung. Die Einsicht, dass nicht der Austausch der äußeren Autoritäten eine bleibende Veränderung bewirkt, sondern das Ende der inneren Abhängigkeit. 

Die innere Abhängigkeit von Vater Staat und Mutter Kirche, wo Ordnung, Schutz und Struktur erzwungen werden müssen durch totale Kontrolle und wo unser Sinn, unser moralischer Handlungsleitfaden, unser Zugehörigkeitsgefühl zum Leben über Schuldgefühle, Scham, Sünde und Androhungen ewigen Leidens seit Jahrtausenden diktiert werden und mit deren Hilfe den Menschen der eigenen Tod durch einen weiteren sinnlosen Krieg als heilig suggeriert werden soll. 

Unsere wirklichen spirituellen Eltern, Mutter Erde und der Himmel als Vater, das heilige Weibliche und das Heilige Männliche, wurde uns schon lange entrissen und ersetzt von Menschen mit eigenen politischen Motiven und den Wunsch nach Macht und Kontrolle über andere. Die heiligen Institutionen vom inneren Vater und der inneren Mutter werden skrupellos herangezogen und missbraucht und wir mit ihnen. Unsere inneren Götter, die für uns und das Leben da waren und sind, wurden vom Thron gestoßen und wir entmündigt. Die wahren Eltern wollen, dass wir lernen, dass wir erwachsen und eines Tages unabhängig werden und irgendwann selbst Eltern und Vorbilder sind für kommenden Generationen. 

Was sich jetzt zeigt, ist der absolute Machtmissbrauch und die Instrumentalisierung der heiligen Namen, der heiligen Institutionen. Und viele spüren den Wunsch nach Frieden, nach Einigkeit, nach Freiheit. Wollen wir das erreichen, brauchen wir Einheit in uns selbst. Eine innere Akzeptanz und Liebe zur Einheit von Licht und Schatten, die Fähigkeit zur inneren Selbstführung, auf der Basis von Werten, die das Leben unterstützen und nicht von erzwungenen Regeln, die wenigen Menschen und deren Machtansprüchen dienen.

Pluto in Wassermann spiegelt diese Qualität wieder, holt die Schatten aus der Versenkung und zeigt, was sowieso schon lange da war und von uns hingenommen wurde. Mit Saturn und Neptun im Widder auf Null Grad eröffnet sich die Möglichkeit eines Neubeginns, diese überholten Elternersatzfiguren gehen zu lassen, sich nicht mehr durch Schuld, Scham und Sünde binden zu lassen an das Leiden. Uns nicht länger durch Regeln, Zwang und Strafandrohungen von uns selbst zu entfernen.

Es steht uns heute fast alles offen. Wir können in Echtzeit verfolgen, was in der Welt geschieht. Und der Lärm derer, die diesen Prozess nicht aufhalten können, die uns zurufen, es besser zu wissen, was gut und was richtig ist, wird lauter. 

Und genau deshalb wird jeden Tag ein neues Thema aufgemacht. Die Ereignisdichte verstärkt sich, wir werden mit Meinungen und Verdrehungen zugehämmert, weil sich dieser Prozess nicht mehr aufhalten lässt. Und obwohl vieles von dem, was auf der Weltbühne geschieht, wirklich alarmierend aussieht, ist es doch nichts weiter als der immer verzweifeltere Versuch, dieses alte System der Kontrolle über das Leben aufrechtzuerhalten. Wenn man bedenkt, dass der Umfang und die Stärke der Maßnahmen das Entstehen und Wirken des Neuen widerspiegelt, stellt sich alles plötzlich in einem ganz anderen Licht dar. 

Bleib bei dir. Prüfe, was du siehst und hörst. Und frage dich bei allem, was man dir erzählt: Macht es dich bewusster oder abhängiger? Stärkt es deine Eigenverantwortung oder nimmt es sie dir ab? Bringt es mehr Liebe und mehr Einheit in die Welt? Für alles andere nimm dir vor, innerlich und äußerlich nicht mehr zur Verfügung zu stehen. 

Sind wir bereit, erwachsen zu werden?

© Peggy Vogt 2026