Leben und leben lassen! – Leiden und leiden lassen?

Die Erzeugung von Scham- und Schuldgefühlen. DIE gesellschaftlichen Druckmittel, die schon immer gut funktioniert haben. An den Pranger, welcher irgendwann im späten Mittelalter eingeführt wurde, hat man damals u.a. Menschen, die von der gesellschaftlichen Norm, welche damals vor allem durch christliche Kirchen und deren Regularien bestimmt wurden, einfach öffentlich angebunden, ihre „Schandtaten“ – z.B. irgendeine Form der Gotteslästerung – benannt und sie dem Hohn, Spott und zum Teil körperlichen Angriffen durch die beistehende oder vorbeiziehende Menschenmasse ausgesetzt. Die Missetäter durften gründlich darüber nachdenken, wie sie sich danach möglichst unauffällig wieder in die Gesellschaft eingliedern. 

Die Menschenmasse davor konnte vor allem Einigkeit untereinander feststellen, Erleichterung darüber, dass es einen anderen erwischt hat, denn wer hatte schon keinen Dreck am Stecken, gepaart mit der abschreckenden Wirkung und Angst, dass es ernsthafte Konsequenzen hat, wenn man vom Regelwerk der herrschenden Mächte abwich und einfach sein individuelles Ding macht, anstatt sich dem Zwang der gesellschaftlichen Norm zu beugen. 

Nun könnte man meinen, das sei düstere Geschichte. Schließlich sieht es heute zumindest in der sogenannten westlichen Welt so aus, als würde die persönliche Entfaltung des Einzelnen als stärkendes Element der Gemeinschaft langsam zur Blüte gelangen. Der Einfluss des Patriarchats und der christlichen Kirchen hat nachgelassen, der Staat gängelt zwar herum, aber alles in allem sind wir freier denn je. 

Allerdings tragen wir ein gigantisches epigenetisches Erbe in uns. Um andere Menschen öffentlich zu beschämen, dafür braucht es heute keine solchen Institutionen wie die Kirche mehr. Das erledigen viele Menschen heute selbst. Da braucht nur einer von der Norm abweichen, etwas Bestimmtes sagen und eine Masse an Menschen stürzt sich darauf und lässt die Strafe als Shitstorm verbal im Internet ab. Nun frage ich, was ist hier das Ziel und vor allem der gemeinsame Nenner? 

Denn früher ging es darum, Gemeinschaft durch Gehorsam zu erzwingen, Normen durchzusetzen, die andere aufgestellt hatten, um Machtausübung. Worum geht es heute? Meiner Meinung nach um Leiden, Angst und Drama. Wenn es dem einen schlecht geht, muss es den anderen auch schlecht gehen, und wenn einer behauptet, es gehe ihm gut, dann sorgen andere dafür, dass er sich möglichst bald dafür schämt, dass es ihm gut geht, denn schließlich ist der gemeinsame Nenner der Gesellschaft, dass wir alle kollektiv fröhlich miteinander und aneinander leiden. Du meinst, das sei übertrieben? 

Frage dich selbst. Wie viel Glück lässt du in deinem Leben zu, und wenn du welches erlebst, wie lange hältst du einen wirklich glücklichen Zustand aus? Bevor du dich selbst da wieder rausholst durch Selbstzweifel und Selbstkritik oder bevor du einen Grund findest, mit jemand anderem zu streiten oder durch irgendeinen negativen Kommentar zu provozieren? Und hast du dich an dieses Auf und Ab einfach schon gewöhnt?

Auf der Ebene des Bewusstseins wollen wir das vielleicht nicht, aber gelebt wird dieses Muster. Lies einfach ein paar Kommentarspalten in den sozialen Medien, am besten unter politischen Themen… Wer erst einmal seine Rechtfertigung gefunden hat, die eigene Wahrheit für die einzig richtige hält, in einen gerechten medialen Kampf von der eigenen Couch aus zu ziehen glaubt, für den gibt es scheinbar kein Halten mehr. 

Dass das gesellschaftliche Leiden wesentlich mehr gelebt wird als gemeinschaftliches, andauerndes Glück, hat seine Gründe. Für mich geht es tatsächlich so weit zurück. Die inzwischen mehr als zwei Jahrtausende alte, gepredigte Idee, dass Leiden uns dem Göttlichen, dem Himmel ein Stück näher bringt, dass Leiden ganz viel mit Liebe zu tun hat, dass auf jede Menge Spaß und Freude der Absturz folgt und unser persönlicher Blues, oder sogar, dass das Leben auf der Erde sowieso eher ein Jammertal ist und der Himmel nach unserem Ableben irgendwo wartet, sitzt in unserem Unterbewusstsein und bestimmt unser Denken, Fühlen und Handeln. Es ist das klerikale Syndrom.

Wenn du nun glaubst, das hat mir dir nicht viel zu tun, weil du keiner Religion angehörst, dann schau dir dein persönliches Leben und das Leben im Allgemeinen an. Bist du gesund, bist du glücklich? Lebst du in glücklichen, sinnlichen Beziehungen? Hast du mehr als genug Geld? Lebst du deinen beruflichen Traum? Stehst du früh auf und kennst den Sinn deines Daseins?

Zum Glück kann man beginnen, diese gepredigten Ideen zu heilen. Dazu braucht es Bewusstsein darüber, dass es nur eine kranke Idee ist, eine Art klerikale Software, auf der wir laufen und die uns allen nicht guttut. Darüber, dass wir uns dafür, diese Software mit uns herumzutragen, nicht auch noch schämen, denn sie betrifft uns alle. Darüber, dass wir ihre Auswirkungen nicht zu unserer Opfer-Identität machen und weiter in Ohnmacht verharren. Nach dem Bewusstsein kommt der Mut, etwas ändern zu wollen. 

Wenn du also mal wieder in den sozialen Medien unterwegs bist und dir mehr nach Kollateralschaden als nach konstruktivem Austausch ist, frage dich, ob dies das Beste ist, wozu du gerade in der Lage bist, ob es das ist, was aus deinem Herzen kommt statt aus deiner Wut oder Angst, ob deine Seele schreiben würde, was dir dein aufgebrachtes Ego in diesem Moment rät. Das wäre schon mal ein guter Anfang, etwas zu ändern und aus der Idee, „Leiden und leiden lassen“, auszusteigen.

© Peggy Vogt 2024